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Aussterbende Sprachen – weltweit 3.000 Sprachen in Gefahr

Während es 1.000 n. Chr. noch über 9.000 Sprachen gab, sind es heute nicht einmal mehr 7.000. Prognosen gehen davon aus, dass im 21. Jahrhundert etwa 3.000 Sprachen aussterben werden. Dabei handelt es sich noch um optimistische Einschätzungen. Andere Studien gehen von maximal 100 Sprachen im Jahr 2200 aus. Sicher ist: Das Sprachensterben schreitet mit einem atemberaubenden Tempo voran. Neben den bereits verlorenen Sprachen (z.B. Latein) gibt es immer mehr, die nur noch von so wenigen Menschen gesprochen werden, dass sie in absehbarer Zeit nicht mehr existieren werden.

Die UNESCO hat sich dieser bedeutenden Tatsache angenommen und den Atlas „Bedrohte Sprachen“ herausgegeben. Ein Blick genügt, um festzustellen, dass es überall auf der Welt gefährdete Sprachen gibt. Auch in Europa, wo unter anderem Irisch, Sizilianisch und Jiddisch betroffen sind. Unter den deutschen Sprachen gilt insbesondere das Plattdeutsche (Friesisch) als gefährdet.

Die Veränderung der (Sprachen-)Welt

Welche Sprachen sprechen wir? Wer diesen Artikel liest, spricht Deutsch und eventuell auch Englisch – sowie vielleicht noch eine oder mehrere der am meist gesprochenen Sprachen. Damit gehören wir zu der Hälfte der Weltbevölkerung, die eine der 19 großen Sprachen spricht. Die andere Hälfte nutzt eine der knapp 7.000 weiteren Sprachen.

Das Vorkommen von Sprachen und deren Verteilung auf die Weltbevölkerung ist beeindruckend. In den derzeit weltweit 193 Staaten zeigt sich ein stark inhomogenes Bild. In Deutschland gibt es noch 13 Sprachen, in Papua Neuguinea sind es über 800, in Indonesien über 700. In Europa werden etwa 200 Sprachen gesprochen, in den USA 180, in Indien 400 und in Afrika knapp 2.000, davon ungefähr 500 allein in Nigeria. Und auch innerhalb Europas gibt es ein starkes Gefälle. Von den circa 200 Sprachen entfallen 40 auf den Kaukasus.

Woher kommt das? Die Gründe sind unterschiedlicher Natur. So spielen beispielsweise geografische Besonderheiten eine Rolle. In Papua Neuguinea gibt es viele zerklüftete Täler und in Indonesien viele Inseln, die voneinander getrennt sind. Das hat die Entstehung von eigenständigen Sprachen begünstigt. In vielen Ländern gab es vor der Kolonialisierung kaum überregionale Verwaltungen, die eine einheitliche Sprache forciert hätten. Die einzelnen Stämme und Bevölkerungsgruppen prägten so ihre eigenen Sprachen aus. Im Umkehrschluss führten die Entstehung von politischen Gebilden und die Globalisierung dazu, dass regional begrenzte Sprachen zu Gunsten einer homogenen Sprachgemeinschaft bzw. einer übergeordneten Amtssprache aufgegeben wurden.

Zu den meist gesprochenen Sprachen zählen heute Mandarin-Chinesisch (730 Millionen), Englisch (430 Millionen), Spanisch (270 Millionen), Hindi und Arabisch (180 Millionen), Portugiesisch, Bengali und Russisch (165 Millionen), Japanisch und Deutsch (130 Millionen).

Indigene Sprachen besonders betroffen – aber auch Plattdeutsch

Gefährdete Sprachen werden von der UNESCO im Sprachenatlas nach dem Grad ihrer Gefährdung in sechs Kategorien klassifiziert – abhängig von der Verbreitung (Anzahl der Sprecher), der Weitergabe an die nächste Generation und dem gesellschaftlichen Stellenwert der Sprache.

Potenziell gefährdet (vulnerable): Relativ hohe Verbreitung; auch die jüngere Generation spricht die Sprache; die Sprache ist keine offizielle Amtssprache und/oder wird in den Bildungssystemen nicht verwendet.

Gefährdet (definitely endangered): Die Sprache wird nicht mehr als Muttersprache erlernt.

Ernsthaft gefährdet (severely endangered): Die Sprache wird nur noch von der älteren Generation gesprochen, die nachwachsenden Generationen beherrschen vorwiegend die dominierende Amtssprache.

Kritisch gefährdet (critically endangered): Geringe Verbreitung; selbst die ältere Generation spricht die Sprache nur noch bruchstückhaft.

Ausgestorben (extinct): Die Sprache wird nicht mehr gesprochen.

Sicher (safe): Sprachen, die von allen Generationen gesprochen und an die nächste Generation weitergegeben werden.

Gefährdete Sprachen in Deutschland

In Deutschland sind ebenfalls – besonders regionale – Sprachen vom Aussterben bedroht. Vor allem Ostfriesisch geht im Alltag zunehmend verloren, derzeit sprechen nur noch rund 1.000 Menschen diese nordseegermanische Sprache. Aber auch Bayerisch oder Fränkisch sind potenziell gefährdet.

Region Sprache Sprecher Gefährdung
Deutschland Ostfriesisch 1.000 ernsthaft gefährdet
Deutschland Nordfriesisch 10.000 ernsthaft gefährdet
Deutschland Bayerisch 14,1 Mio. potenziell gefährdet
Deutschland Ostfränkisch mehrere Mio. potenziell gefährdet
Deutschland Niedersächsisch 480.000 potenziell gefährdet
Deutschland, Luxemburg Moselfränkisch 390.000 potenziell gefährdet
Deutschland Rheinfränkisch unbekannt potenziell gefährdet
Deutschland Romanes 350.000 gefährdet

Quelle: UNESCO

Gefährdete Sprachen weltweit

In dieser Übersicht wird deutlich, dass neben stark regionalen Sprachen auch Landes- und Amtssprachen vom Aussterben bedroht sind. Besondere Bedeutung haben Irisch, Schottisch-Gälisch und Kurdisch. Während Irisch Amts- und Landessprache der Republik Irland ist und auch in den Schulen unterrichtet wird, sprechen nur noch rund 44.000 Menschen diese Sprache. Kurdisch wird dagegen von 20 Mio. Menschen gesprochen, ist aber ebenfalls potenziell vom Aussterben bedroht.

Region Sprache Sprecher Gefährdung
Österreich Burgenlandkroatisch 30.000 gefährdet
Schweiz Romanisch 35.095 gefährdet
Irland Irisch 44.000 gefährdet
Rumänien Siebenbürger Sächsisch 50.000 ernsthaft gefährdet
Grönland, Dänemark Grönlandisch 63.000 potenziell gefährdet
Frankreich Frankoprovenzalisch 100.000 gefährdet
Frankreich Provenzalisch 150.000 ernsthaft gefährdet
Korsika (Frankreich) Korsisch 160.000 potenziell gefährdet
Frankreich Bretonisch 250.000 gefährdet
Türkei, Georgien Pontogrieschisch 300.000 gefährdet
Niederlande Westfriesisch 350.000 potenziell gefährdet
Weltweit Plautdietsch 500.000 gefährdet
Wallonien, Frankreich Wallonisch 600.000 gefährdet
Wales Walisisch 750.000 gefährdet
Sardinien (Italien) Sardisch 1,3 Mio. gefährdet
Schottland, Nordirland Schottisch-Gälisch 1,5 Mio. gefährdet
Belgien, Niederlande, Frankreich Westflämisch 1,5 Mio. potenziell gefährdet
Italien Venetianisch 2 Mio. potenziell gefährdet
Weltweit Jiddisch 3 Mio. gefährdet
Italien Lombardisch 3,5 Mio. gefährdet
Weißrussland Belarussisch 4 Mio. potenziell gefährdet
Sizilien (Italien) Sizilianisch 5 Mio. gefährdet
Slowakei Ostslowakisch 10 Mio. potenziell gefährdet
Peru, Bolivien Quechua (Sprachfamilie) 10 Mio. ernsthaft gefährdet
Türkei, Iran, Irak Kurdisch 20 Mio. potenziell gefährdet

Quelle: UNESCO

Der UNESCO Sprachatlas zeigt eindeutig, dass zu den aussterbenden Sprachen vor allem die indigenen Sprachen in Nord- und Mittelamerika und in Afrika gehören. Allein in Mexiko sind 64 der 68 gesprochenen Sprachen vom Aussterben bedroht. Von den fast 50 Sprachen Perus weist ebenfalls ein großer Teil einen hohen Gefährdungsgrad auf. Sogar das Quechua, das früher mehrere Millionen Menschen in Peru und Bolivien sprachen, ist in Gefahr. In Afrika gelten mehr als 350 Sprachen als ernsthaft gefährdet. In Australien stehen über 100 Sprachen auf der Liste.

Sogar die kurdische Sprache, die in verschiedenen Ländern vorkommt (z.B. Türkei, Iran, Irak), wurde als potenziell gefährdet eingestuft, obwohl sie bei den Kurden einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert und eine relativ hohe Verbreitung hat (20 Mio. Sprecher). Sie ist jedoch nirgendwo offizielle Amtssprache und in den Bildungssystemen spielt sie kaum eine Rolle. Damit steht die Sprache eines der ältesten Kulturvölker auf der „roten Liste“. Auch Jiddisch ist eine über Tausend Jahre alte Sprache, die sich durch die starken Emigrationsbewegungen der jüdischen Bevölkerung weit verbreitet hat. Heute sprechen es nur noch 3 Mio. Menschen, sie wird aber kaum noch an die jüngere Generation weitergegeben. Die UNESCO stuft die Sprache als gefährdet ein.

Irisch vom Aussterben bedrohtUnter den knapp 200 Sprachen in Europa gibt es ebenfalls zahlreiche gefährdete Sprachen. Darunter befinden sich viele keltische Sprachen wie beispielsweise Walisisch (gefährdet), Bretonisch (ernsthaft gefährdet) und Irisch (gefährdet). Obwohl Irisch (Gälisch) neben Englisch in Irland offizielle Amtssprache ist und sogar zu den 24 europäischen Amtssprachen gehört, findet sie sich auf der UNESCO Liste wieder. Es wird geschätzt, dass nur noch etwa 44.000 Menschen Irisch als Alltagssprache benutzen. Unter den romanischen Sprachen werden unter anderem Korsisch (potenziell gefährdet), Sardisch (gefährdet) und Sizilianisch (gefährdet) aufgeführt. Sizilianisch wird immer noch von fast 5 Mio. Menschen auf Sizilien und teilweise in Apulien und Kalabrien gesprochen. Im öffentlichen Leben spielt es jedoch kaum eine Rolle. Es ist keine Amtssprache und es wird nicht in Schulen gelehrt. Sizilianisch ist daher Privatsache.

Für Deutschland listet der UNESCO Sprachatlas 13 gefährdete Sprachen auf, darunter die Regional- und Minderheitensprachen Bayerisch (potenziell gefährdet), Moselfränkisch (potenziell gefährdet) und das Nord- und Ostfriesisch (ernsthaft gefährdet).

Besonders das Friesische, allgemein auch als Plattdeutsch bezeichnet, ist stark verwurzelt mit der Kultur und den Menschen im Norden Deutschlands. Die friesischen Sprachen bestehen eigentlich aus drei Sprachen: Nordfriesisch (Nordfriesland, Helgoland), Ostfriesisch/Saterfriesisch (zwischen Lauers und Weser) und Westfriesisch (Niederlande Provinz Friesland). Während Westfriesisch noch von über 400.000 Menschen – teilweise sogar als Muttersprache – gesprochen wird, ist Nordfriesisch und Ostfriesisch/Saterfriesisch ernsthaft gefährdet. Nordfriesisch sprechen nur noch ca. 10.000 Menschen, Ostfriesisch ist praktisch ausgestorben. Nur im niedersächsischen Saterland wird noch eine besondere Ausprägung des Ostfriesischen gesprochen, das Saterfriesisch. Allerdings auch nur noch von circa 1.000 Menschen. Trotzdem begrüßt das Nordfriisk Radio seine nordfriesischen Hörer regelmäßig mit „Hartlik Wäljkiimen“, in der Hoffnung, dass es wieder mehr werden.

Warum gehen Sprachen verloren?

Die Gründe, warum Sprachen verloren gehen, sind vielschichtig. Einen großen Einfluss haben Kolonisierung und jede Art von Fremdherrschaft. Nicht nur die großen Kolonialmächte wie England, Spanien, Portugal und Frankreich haben ihre eigene Sprache in den Kolonien zur offiziellen Amtssprache erhoben. In großen Teilen des südlichen Afrikas wurden durch die Ausbreitung der Bantuvölker bereits davor viele afrikanische Sprachen ausgelöscht. Die heute weit verbreiteten Sprachen Suaheli, Zulu und Xhosa sind allesamt Bantusprachen.

Die Globalisierung ist ebenfalls ein wichtiger Faktor, der das Sprachensterben beschleunigt. Um in der globalisierten Welt eine Chance zu haben, muss man sich auch in ihr verständigen können. Das ist nur mit den Hauptsprachen möglich. Auch die Teilnahme an der technischen Entwicklung setzt die Beherrschung mindestens einer dieser Sprachen voraus. Programme, Apps und vieles mehr sind in der Regel nur in diesen Sprachen verfügbar. Außerdem wird in den Bildungssystemen wie Schulen und Universitäten weitgehend nur in diesen Sprachen unterrichtet. So ist es kein Wunder, wenn Eltern ihre Kinder lieber in einer dieser Hauptsprachen erziehen, um ihnen Zukunftsperspektiven zu eröffnen. So geschieht die sprachliche Anpassung durchaus nicht immer unter Zwang. Die „Sprache des Stärkeren“ wird aus der Einsicht angenommen, dass sie mehr Chancen bietet.

Sehr viele indigene und andere Sprachen von Minderheiten haben zudem keine Schriftform. Die Überlieferung erfolgt lediglich in mündlicher Form. Wenn nur noch ältere Menschen diese Sprachen sprechen, ohne sie an die nachfolgende Generation weiterzugeben, dann sterben die Sprachen mit den letzten Sprechern aus. Beim Plattdeutschen spielt sicher die Tatsache eine Rolle, dass der angestammte Sprachraum von jeher dünn besiedelt war. Viele junge Menschen verlassen das Land und ziehen in die Ballungsräume.

Wie können bedrohte Sprachen gerettet werden?

Um Sprachen vor dem gänzlichen Aussterben zu bewahren, können Staaten Regeln und Gesetze erlassen. In Irland z.B. wurde Irisch nicht nur zur Amtssprache neben Englisch erhoben, sondern es ist auch Pflichtfach an Schulen. Allerdings gibt es keine irische Tageszeitung und auch sonst wenige Medien in irischer Sprache. So wird die Nutzung als Alltagssprache beschränkt. Medien, Bücher und jede Art von Unterhaltungsangeboten sind jedoch sehr wichtig, um junge Menschen für eine Sprache zu motivieren.

Am besten funktioniert diese Motivation, wenn sich die Gemeinschaft der Sprache stark verbunden fühlt und mit ihrer Sprache auch in der Gegenwart die eigene Geschichte und Kultur verbindet. Ein Beispiel dafür ist das Katalanische, das heute noch von mehr als 11 Millionen Menschen aktiv gesprochen wird und auch nicht auf der UNESCO Liste erscheint. Diese Verbundenheit mit der eigenen Sprache und den eigenen Wurzeln ist eine gesellschaftliche Aufgabe, für die jeder Verantwortung tragen muss, wenn sie gelingen soll.

Um Menschen einer Sprache näher zu bringen, ist das Kindesalter das beste Alter. Erstens lernen Kinder schnell und zweitens legt man in diesem Alter die Wurzeln für Verbundenheit. Aus diesem Grund gibt es in mehreren Ländern Programme, die ältere Menschen mit Kindern zusammenbringen, damit diese sich in der eigenen Sprache unterhalten. Solche Programme gibt es beispielsweise für Maori, die Sprache der ursprünglichen Bevölkerung Neuseelands, und auch für Friesisch. Auch in Kindergärten wird teilweise Friesisch vermittelt. „De Spood“ kann man da nur sagen: Gutes Gelingen!

Frank K. - LAL Team
Redakteur bei LAL Sprachreisen - leidenschaftlicher Blogger, der die raue Landschaft Irlands und die endlose Weite Australiens liebt.